Alexander-Technik


Alexander-Technik

Interview mit Eva-Maria Freyer

Kristina Messerschmidt: "Zu lernen, wie man mit sich selbst gut umgehen kann, ist grundlegend und unmittelbar für jede Art von Lernen und für jede Tätigkeit." Dies habe ich auf deiner Website gelesen, und es klingt für mich nach einer tiefen und einfachen Wahrheit. Kann man das also bei dir lernen: mit sich selbst gut umgehen?
Eva-Maria Freyer: Ja, das lernt man bei mir! Auch in meinen Gruppen ist es so: Die Teilnehmer machen etwas, und es klappt nicht so, wie sie es sich wünschen. Sie ärgern sich darüber. Und ich fordere sie auf, das einfach zu beobachten. Wahrnehmen und merken, was ich eigentlich tue – das ist die Voraussetzung für wirkliche Veränderung. Dann der nächste Ärger: Nein, ICH mache das doch nicht so, ICH halte nie den Stift sooo fest, ICH bin doch durchlässig ...

D.h. das eigene Selbstbild gerät ins Wanken. Sagst du das deinen Schülern direkt, was sie "falsch" machen?
Nein! Das sage ich auf keinen Fall. Was ich tue, ist: Ich "ordne" den Körper erst mal. Ich fasse direkt mit meinen Händen an, und das führt zu einer neuen Sinneserfahrung. Zum Beispiel verändere ich die Fußstellung, indem ich die weit nach außen gestellten Füße paralleler zueinander stelle. Das fühlt sich für die Person dann erst mal falsch an, weil vollkommen ungewohnt. Das durchaus erschrockene Gefühl dazu: "Das bin doch nicht ich".

Ich möchte es genauer wissen, und Eva beginnt sogleich, an meiner Schreibhaltung am Aquariana-Küchentisch zu arbeiten: Haben meine Unterarme einen guten Kontakt zum Tisch, oder sind sie schwer darauf abgelegt, fallengelassen sozusagen? Hm, na ja ... Ich nehme die dort tatsächlich irgendwie versackte Kraft zurück in meinen Rumpf. Sie nimmt meinen Kopf in die Hände. Fühlt sich gut an, ich merke, sie weiß, was sie tut, und ich überlasse mich ihr. Sie bewegt ihn sehr sanft und ganz wenig, und schließlich ist sie zufrieden: Nun sitzt der Axis-Wirbel richtig schön auf dem Atlas-Wirbel auf, wie es sich gehört. Und ich merke voll Verwunderung: Jetzt erst sitze ich auf meinen Sitzhöckern – auch, wie es sich gehört. Das merke ich daran, dass ich leichter sitze, freier, und das fühlt sich sehr gut an.

(sehr zufrieden:) Ja, nun wird der Oberkörper vom Becken getragen.

Eva, du bist selbst Pianistin und arbeitest viel mit Musikern. Warum kommen sie zu dir?
Da kam zu mir ein Gitarrist, der völlig verspannt und von Schmerzen geplagt war. Ich sah, dass er seinen rechten Arm auf der Gitarre abgelegt hatte "wie auf einer Fleischertheke", ganz schwer, und der Arm war wie tot. So hatte er es von seinem Gitarrenlehrer gelernt. Der Arm braucht natürlich den Kontakt mit dem Gitarrenholz, und das Instrument trägt ihn auch. Das aber sollte er spüren können: Abgeben und sich tragen lassen, jedoch nicht drücken und sich damit aufgeben!

Das ist sicher nicht leicht, diese alten Gewohnheiten zu verändern.
Genau. Wir kennen uns ja nur in diesen Gewohnheiten, sind unbewusst ganz damit identifiziert. Wir sind davon überzeugt, aufrecht zu sitzen – und nehmen doch nur eine Position ein. Dann richte ich die Person im Unterricht auf, und es fühlt sich ganz "aus der Form" an, falsch. Dieses "Falsche", das sich nicht wie "Ich" anfühlt, braucht Zeit, um sich zu etablieren.
Du sprichst auch von "Natur" und "Natürlichkeit". Was genau ist damit gemeint? Wann ist etwas natürlich?
Säuglinge und Kleinkinder bewegen sich natürlich, später verschwindet das. Kleinkinder sitzen mühelos aufrecht. Wir gehen ja immer weg vom Boden.

Was meinst du damit, ein Bedürfnis nach Aufrichtung?
Es ist eher ein Zwang zur Aufrichtung! Das gibt die Natur uns Menschen vor für jede Art von Bewegung. Ich muss meine Füße vom Boden heben, wenn ich mich vorwärtsbewegen will. Im All gibt es das nicht.Wir haben den Anti-Schwerkraft-Mechanismus zwischen den Ohren: Axis auf Atlas. DAS ist die Voraussetzung zur Aufrichtung und wird in der Alexander-Technik "Primärsteuerung" genannt. Das können wir uns nicht erzählen lassen, sondern das müssen wir spüren. Alexander-Technik bedeutet: Die Hände des Lehrers bewegen dich, du erlebst dich, dann übst du selbst, wieder die Hände des Lehrers, und du erlebst und übst. So geht es. Niemand kann dir vorher sagen, wie es "richtig" ist, was "man" tun soll; du kannst es nur selbst spüren, in dem ganz individuellen Prozess mit dem Lehrer.Lösen ist dabei ein wesentlicher Vorgang. Wir kollabieren entweder in die Unterspannung, den Hypotonus hinein, oder wir verharren steif in Positionen, in der Überspannung, dem Hypertonus. Was wir wollen, ist die Harmonie, den Eu-Tonus. Dafür entsteht allmählich ein Gespür und ein Bewusstsein.

Wie bist du selbst zur Alexander-Technik gekommen?
Ich hatte vor meinen Auftritten furchtbares Lampenfieber, und das wollte ich einfach loswerden. Man gab mir gute Ratschläge, nichts half. Man merkte es mir nicht an, aber ich merkte es. Dann stieß ich auf die Alexander-Technik und war gleich dabei.Die Alexander-Technik kann in der ersten Stunde schon unglaubliche Erfahrungen und regelrecht ein neues Lebensgefühl bringen. Aber das schwächt sich wieder ab, die Gewohnheiten bleiben natürlich. Man muss sich schon viel Zeit geben. Und übrigens auch Mut aufbringen!

Mut wozu?
Ich gebe meine Schutzmechanismen auf. Phasenweise fühlt man sich sehr verletzlich. Manchmal ist es das reine Chaos, alles ist in Frage gestellt. Das ist nicht einfach. Es wird sich auch wieder ordnen, aber erst mal braucht es wirklich Mut. Der Gitarrenspieler, von dem ich erzählte, konnte eine Zeitlang nicht mehr spielen, nichts ging mehr. Da muss man durch, sich immer wieder neu auf's Unbekannte einlassen – ansonsten benutzt du die Alexander-Technik nur als "Technik", das hilft nicht. F.M. Alexander hat von sich gesagt, er habe nie gewagt aufzuhören, auch nur einen Tag an sich nicht zu arbeiten. .... Neurotisch soll man aber nicht dadurch werden (lacht).

Ihr bezeichnet euch selbst als Lehrer, nicht als Therapeuten.
Ja. Und ich schicke manche Personen auch zur Psychotherapie. Es kann wirklich viel hochkommen im Unterricht. Gut ist die eigene Bereitschaft, sich selbst zu sehen. Humor ist dabei nicht verkehrt. Mit sich selbst gut umzugehen, worüber wir anfangs gesprochen haben, ist der Gewinn. Das geht nur mit Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Und dazu braucht es tatsächlich die eigene Bereitschaft. Das ist ein ganzer Prozess.

Diesen Prozess kann man in Einzelarbeit und in der Gruppe machen.
Die Einzelarbeit ist sehr intensiv und tiefgehend. In der Gruppe arbeiten wir in Paaren, in der Rolle von LehrerIn und SchülerIn. Das bietet den Vorteil, in der lehrenden Rolle einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn zu haben.

Alexander-Technik
Leichtigkeit und Aufrichtung lernen nach den Prinzipien von F.M. Alexander
• Donnerstags, 20:00 - 21:00 Uhr – Gruppe
• Donnerstags, 21:00 - 22:00 Uhr – Einzelunterricht
je 30 min. Kosten: Gruppe € 10,- | Einzelunterricht € 30,-/30 min.

Summer Specials – bitte mit Anmeldung:
• Sa, 13.8. 10:00-16:00
Sich im Altag leichter, lebendiger und schmerzfreier fühlen und bewegen
Workshop Alexander-Technik, € 50,-
• So, 14.8. Alexander-Technik – Einzelunterricht, € 30,-/30 min.

 


Archiv

15 Jahre Aquariana – Kristina Messerschmidt
Rückenbeschwerden und vom Rücken ausgehende Probleme... – Ralf Welti
Resonanzräume – Körper und Kontakt – Tamao Stern
Der Weg des Künstlers – Der Weg eines kreativen Menschen – Clara Welten
Achtsames Selbstmitgefühl – Evelyn Rodtmann
Buddhismus und Therapie – ein Spannungsfeld? – Jan Orlowski
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